Social Media & die Flüchtlingswelle in Europa

Noch vor wenigen Wochen konnte man in sozialen Netzwerken, allen voran in Facebook, hässliche Flüchtlingsdebatten verfolgen. Von Deportation, Hasstiraden und tiefen Abgründen der menschlichen Seele war dort zu lesen. Das Wort Asylant bekam noch mehr negative Untertöne als bisher.

Facebook als neuer digitaler Stammtisch

Zudem wurden Asyl-Mythen in Facebook immer wieder aufgekocht. Beispiel gefällig? Ihr erinnert euch bestimmt an die zahlreichen Postingbilder, wo einem vorgerechnet wurde, was Asylwerber angeblich fürs Nichtstun in Österreich erhalten. Es wurden darin unwahre Behauptungen aufgestellt, Äpfel mit Birnen verglichen, Vergleiche die so nicht haltbar sind, etc. genannt. Oder die Postings, wo darauf hingewiesen wurde, dass den Flüchtlingen angeblich das Essen nicht schmeckt und sie es wegwerfen, sie Smartphones geschenkt bekommen, und und und. Die Liste an Vorurteilen ließe sich ewig weiterführen. (Screenshot: FB-Seite Pegida Österreich)

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Sprache ist ein mächtiges Instrument

Die Wirkung, die solche falschen Inhalte und kritische Hasspostings auf das Debattenklima in Österreich hatten, war verheerend. Immer dann, wenn Internetuser diese Falschinformationen kritisierten, wurden diese offen im Netz attacktiert und der „Social Media Mob“ machte sich über sie her. (siehe am Beispiel des Schauspielers Til Schweiger, der sich für ein privates Flüchtlingsquartier einsetzt)

Die stumme Mehrheit schaute ratlos zu. Quasi ohne Vorbehalte und unter ihrer wahren Identität zeigten Facebook-User ihren blanken Hass, verleumdeten Menschen und posteten ihre Ablehnung gegenüber Flüchtlingen. Die Kommunikation schien völlig aus dem Ruder zu laufen. Auch von Seiten Facebook war nichts zu erwarten. Im Gegenteil, erst durch Facebook sahen wir, wie viel rassistisches Gedankengut in den Köpfen unserer Mitmenschen steckt, leider.

Facebook nimmt passive Rolle ein

Vom Netzwerk und seinen strengen Kontrollen, das ansonsten in „Anti-Nippelmission“ unterwegs ist, war weit und breit nichts zu bemerken. Da werden tote Kinder auf Facebook verunglimpft, Nazi-Gedankengut und schlimme Hetze verbreitet und viele fragen sich, warum die Hass- und Hetzpostings nicht gelöscht werden?

Offiziell gibt Facebook keine Auskunft darüber, welche Kriterien erfüllt werden müssen, damit ein Posting oder eine Facebook-Seite gelöscht wird. Auch wenn User die Kommentare melden, werden nur jene gelöscht, die auch tatsächlich eine hohe Zahl an Interaktion aufweisen (z.B. Likes) und nachweislich Hate Speech (konkrete Verleumdung) verbreiten. Angeblich sitzen weltweit sehr viele Facebook-Mitarbeiter rund um die Uhr vor ihren PCs um gemeldete Kommentare zu begutachten – anscheinend immer noch viel zu wenige… Auch die fehlenden Sprachkenntnisse der Mitarbeiter um die semantische Bedeutung der Inhalte erfassen zu können, könnte ein Grund sein. Wenn z.B. keine konkreten Beleidigungen passieren (z.B. Du s… Syrer), dann wird nichts unternommen.

Facebook arbeitet da lieber nach dem Counter-Speech-Prozess, der salopp formuliert besagt, dass sich radikale Postings durch entgegengesetzte Botschaften anderer User neutralisieren. Mehr zum Thema Facebook und Zensur findet ihr hier!

Die Bilder aus Traiskirchen

Doch nicht nur Sprache, auch Bilder setzten sich in unseren Köpfen fest. Wenn man in diesen Tagen die Facebook-Timeline öffnet, dann ist diese zum großen Teil mit Bildern, Artikeln und Meinungen rund um die Flüchtlingswelle aus Syrien, dem Irak und Afrika besetzt.

Je mehr Asylwerber nach Österreich kamen, desto öfter wurde darüber berichtet – und desto häufiger griffen auch User auf Facebook das Thema auf. Erst sah man Bilder und Videos aus der Zeltstadt in Traiskirchen (die von Flüchtlingen selbst gemacht wurden, da Medienvertreter lange Zeit keinen Zugang bekamen). Dadurch konnte sich die Öffentlichkeit ein Bild von den Zuständen im Flüchtlingslager machen. Erst dadurch wurden auch die Missstände einer großen Öffentlichkeit gezeigt und etablierte Medien nahmen die Bilder und Geschichten in ihre Berichterstattung auf.

Von der ängstlichen Abwehr zu #refugeeswelcome

Durch zwei tragische Ereignisse und der der Verbreitung der Bilder dazu in den Medien (71 Flüchtlingen erstickten in einem Schlepper-LKW, ein Dreijähriger Junge wurde in Bodrum tot ans Meer gespült), wurde das öffentliche Bewusstsein (und auch die Kommunikation im Netz dazu) verändert. Egal ob man wollte oder nicht: Die Bilder des dreijährigen toten Jungen tauchten immer wieder in der Facebook-Timeline auf. Ob es ethisch korrekt war diese Bilder zu veröffentlichen sei dahingestellt, zumindest haben sie einen Diskurs in Gang gesetzt und Menschen veranlasst aktiv zu werden.

Syrer nutzen Facebook zur Flucht

Doch auch die Flüchtlinge nutzen Soziale Medien auf ihrer Flucht. Wie jüngst ein Artikel auf futurzone.at erklärte, nutzen Flüchtlinge Internet-Dienste wie Facebook, WhatsApp, Übersetzungs-Apps oder GoogleMaps um sich über mögliche Fluchtrouten zu informieren bzw. in Kontakt mit Schleppern zu kommen. Im Internet fänden sie zudem Informationen zu Preisen, Routen, gefährlichen Grenzübergängen uvm.  Linktipp: Protokoll einer Flucht 

Die neuen Medien, die vor wenigen Jahren zentrales Element des arabischen Frühlings waren, prägen auch dieses Mal die Massenbewegung im Nahen Osten. Natürlich werden auch Internetbasierte Kommunikationsdienste wie Skype oder Viber genutzt, mit denen man kostenlos telefonieren kann. Auch die deutsche Bundesregierung nutzt Facebook um vor allem Balkan-Flüchtlinge vor einer illegalen Einwanderung abzuhalten. Denn diese hätten nur wenig Chance auf Asyl, da sie aus einem sicheren Herkunftsland stammen. Diese Facebook-Werbeanzeigen (siehe Screenshot) wurden in Albanien und Serbien geschalten.

BAMF

Social Media unterstützen klassische Berichterstattung

Social Media helfen uns aber auch, um mehr über den Konflikt zu erfahren. Menschen wie der Journalist Karim El-Ghawhary oder der EU-Abgeordnete Michel Reimon berichten auf Facebook über ihre Erfahrungen vor Ort und geben wichtige Hintergrundinformationen zu Konflikten oder Kriegsschauplätzen. Reporter können via neue Medien auch abseits der Massenmedien ein differenziertes Bild aus Syrien oder den Flüchtlingsrouten zeigen. Die Kriegsberichterstattung konzentriert sich nicht mehr auf klassischen Medien wie Zeitungen oder CNN/AlJazeera.

Der Facebook-Schwarm: Flüchtlingshilfe organisiert sich im Netz 

Egal ob Caritas, Rotes Kreuz, Samariterbund, ÖBB, private Initiativen oder Einzelpersonen – dank Social Media und allen voran Facebook (da es einfach am weitverbreitesten ist) können sich Menschen im Netz formieren, absprechen und auf unbürokratischen Wege Informationen austauschen und Hilfe anbieten. Mittels Social-Media-Hashtags #TrainOfHope, #MarchOfHope #refugeeswelcome oder #RefugeeMarch organisieren Freiwillige Hilfe für Flüchtlinge. Doodles (Online-Terminplaner) werden erstellt, wo man sich eintragen kann um zu helfen und seit kurzem gibt es unter refugees.at auch Informationen, was aktuell gerade an welchem Standort gebraucht wird. Zudem posten und twittern Menschen aus österreichischen Hotspot-Bahnhöfen (Wien Hauptbahnhof, Westbahnhof, Salzburg, etc.) welche Sachspenden oder Hilfsgüter benötigt werden.

Initiative von Einzelpersonen ersetzt Versagen des Staates

Die Flüchtlinge polarisieren – auch jene, die sich bisher nur wenig für Politik interessieren, beziehen Stellung. Immerhin wendeten sich in den letzten Jahren immer mehr junge Menschen von der Politik ab. Aber jetzt, jetzt haben immer mehr Menschen das Gefühl, dass der Staat und die politischen Entscheidungsträger überfordert sind. Während die Vertreter Europas noch über das Dublin-Abkommen, sichere Stacheldrahtzäune und Grenzen diskutierten, nehmen viele besorgte Bürger die Herausforderung an, selbst aktiv zu werden und Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Europa zu unterstützen.

Nachdenken über Politik dank Social Media? 

Dadurch entsteht ein neues öffentliches Bewusstsein, ein neues Nachdenken über Politik und die europäische Gesellschaft. Wir müssen feststellen, dass wir als Europäer vielleicht doch nicht so tolerant sind, wie wir es gerne hätten. Aktuell müssen die Bürger Europas eine bittere Erfahrung machen, nämlich jene, dass es nicht immer ratsam ist, sich auf den Staat zu verlassen. Seit langem wieder ist eigenverantwortliches Handeln der Zivilgesellschaft gefordert. Und Social Media helfen dabei, diese Verantwortung auszuführen.

Wie z.B. Nadia Rita, die eine Demo mit 20.000 Teilnehmern spontan via Facebook in Wien organisierte. Unter dem Motto „Mensch sein in Österreich“ für einen humanitären Umgang mit Flüchtlingen gingen tausende Menschen auf die Straße – organisiert via Facebook-Veranstaltung.

friesenecker

Chance für Unternehmen

Auch im wirtschaftlichen Umfeld hat sich die Stimmung gewandelt. Immer mehr Unternehmen setzen sich für Flüchtlinge ein oder setzen Zeichen für Einwanderung und gegen Fremdenhass. So etwa die deutsche Brauerei Oettinger, die mit folgendem Slogan gegen rassistische Bewegungen in Deutschland wirbt: „Ohne bunte Vielfalt gibt es nur braune Flaschen.“

oettinger

Ikea lässt Plastikhäuser für Syrien bauen

Auch das schwedische Möbelhauses engagiert sich finanziell und arbeitet an faltbaren Plastikhäusern für Flüchtlinge in Bürgerkriegsländern wie Syrien. Die Unterkünfte wurden auch schon in Dresden als Alternative zu Zelten für Flüchtlinge getestet. Mehr dazu hier!

 

Spendenboxen bei dm

Einfach und unbürokratisch ist auch die Spendenmöglichkeit die dm Österreich seinen Kunden anbietet. An den Filial-Kassen kann man Spendenpakete für 5, 10 oder 20 Euro spenden. Diese Pakete werden dann, je nach Bedarf und in Abstimmung mit den Partnern Caritas Österreich und dem Diakonie Flüchtlingsdienst, zusammengestellt. Die Produkte werden von dm zum Einkaufspreis direkt an Flüchtlingshäuser weitergegeben – ohne Gewinn.

#refugeeswelcome Gemeinsam können wir viel bewegen: Spendet Hilfspakete für 5, 10 oder 20 Euro – einfach und direkt an…

Posted by dm drogerie markt Österreich on Montag, 10. August 2015

VIELEN DANK für das große Engagement und eure Hilfsbereitschaft: Unglaubliche ? 350.000 Euro ? haben dm Kunden bis jetzt…

Posted by dm drogerie markt Österreich on Dienstag, 8. September 2015

#refugeeswelcome-Tee bei Sonnentor

Auch Sonnentor engagiert sich. Sonnentor hat seine Facebook-Fans befragt, wie der neue Tee heißen soll, von dessen Verkaufspreis 1,50 Euro/Packung direkt an Flüchtlingshilfe-Projekte geht. Schlussendlich hat man sich für #refugeeswelcome entschieden. Wichtig bei diesen Projekten ist, dass auch die User integriert werden und die Möglichkeit zu helfen, einfach ist.

sonnentor

Elisabeth Vogl

Elisabeth Vogl

Elisabeth Vogl hat Kommunikationswissenschaften studiert und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit den Themen Onlinekommunikation und Social Media. Sie ist Geschäftsführerin der Social-Media-Agentur viermalvier.at und berichtet im Blog regelmäßig über aktuelle Themen zu Facebook, Instagram, Google+, Social Media und Video.
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